Er war ein fauler, netter älterer Herr, dieser zweite Tag in Leipzig bei Freund Jonas.
Der Vortag wurde zunächst bis gegen halb drei ausreichend verdaut indem ich schönen Schlaf hatte. Danach gab es gesprächsreiches Küchen-Hängen mit Lapotops und Musik, gefolgt von einer fantastischen Bolognese an Lieblingsnudeln. Feine Sache.
Dann: Horns Erben. Ein wirklich sehr schöner Laden, zweigeschössig, Bar und Club zugleich und alles in einem ehrlich-altertümlichen Style, der zum einen originär DDR-ish daher kommt und zum anderen von einer unbekümmerten Mentalität zum Rocken und Hängen strahlt. Oben die Bühne, auf der die befreundete Band Guacamole Aqui zum Latin-Tanz mit Punk-Attitüde aufspielt (“(…) nach wie vor legen die acht, manchmal zehn Musiker eine bemerkenswerte Ignoranz gegenüber den klassischen lateinamerikanischen Rhythmen an den Tag. Nach wie vor blinzelt manchmal die Hardcore-Vergangenheit durch, auch wenn längst Trompeten und Percussion an die Stelle der krachenden E-Gitarren getreten sind. Nach wie vor wird auf der Bühne gerockt, gesoffen und geraucht und die schlecht sitzenden schwarzen Anzüge sehen irgendwie gemietet aus… “) und danach ein DJ brauchbares Soundgemenge zwischen Funk, Soul und Latin praktiziert.
Im unteren Teil des Ladens legt mit Raucherlaubnis ein Kollege Jonas’ auf, Tom aka Bruno Volt, wenn ich mich recht entsinne, der klischeefrei und eklektisch mal gewollt, mal ungewollt alles in 45 und 33 bpm packt, was er sich so zwischen Nebenher-Buchlesen und Longdrinkschlürfen ausdenken kann und, wenn er nicht gerade einen Gast dazu auffordern muss die kabelbinderfixierte Discokugel eben noch mal anzudrehen. Patsy Cline solle ich ihm mal schicken. Dann spielt er DAF. Grace Jones. Mireille Mathieu. Jean-Michel Jarre. Spliff. Lou Reed. Brian Eno. Liaisons Dangereuses.
Ursprünglich hatte Host Jonas das Bebildern der LEJ-Artikel als kritisch beurteilt, das Foto hier jedoch kann einfach nicht ausgelassen werden: Bruno Volt in voller Aktion. Wenn auf einer Scheibe zwei Stücke sind, die er mag, fadet er für drei unhörbare Momente ins nichts und skipt die Nadel auf den anderen Song auf der Platte. Und: er legt im Sitzen auf. Geht es entspannter? Wohl nicht. Trotzdem rockt es, swingt es vor sich hin. Das Horns Erben war früher ein Schnapsladen mit Verkostungsstube, wenn ich mich habe richtig aufklären lassen. Auf jeden Fall sollte er besucht werden, wenn man nach Leipzig kommt.
Dann soll ich mir auf dem Rückweg eigentlich noch die Karl-Liebknecht-Straße anschauen? 3 Uhr, in etwa 3 Drinks später. Ja, gut, eine Straße eben. Oder? Aber gut, aber nein, “laß’ uns doch noch eben am Flower-Power vorbei gehen” schlägt unsere Begleitung, die angenehme junge Dame namens Alex vor, die mit Jonas und mir den Weg antrat. Yeah. Da steht ein Grill vor der Kneipe! Flugs Steak im Brötchen vertilgt und in die Kneipe, ein letzes Bier für diesen Abend nehmen, Udo Lindenberg, Beatles, Hooters und BAP hören. Gut, weird, lustig. Dann ab nach Hause.
Und jetzt sitze ich hier, höre mal wieder Gonzales’ “Solo Piano” und lasse Revue passieren. Ich glaube, ich nehme mir noch einen Teller des leckeren Bolognese-Nudel-Gerichts. Eine gute Nacht. Nach einem guten Abend.
PS: ich kann vieles hier empfehlen. Das Bier aber, Freunde, geht überhaupt nicht. Ich rate aus geschmacklichen Gründen zu Wodka Tonic.